„Wichtig sind die Menschen, niemals die Sachen“

Bericht aus der Passauer Neuen Presse vom 20.12.2011

Ortenburg. Zum Beispiel der Kaffeelöffel. „Wie können Sie messen, welchen Abstand der Löffel zum Tassenrand hat?“, fragt Karl Wisspeintner, und antwortet: „Nur extrem schwer“. Und das sei toll für seine Firma, das Ortenburger Unternehmen Micro-Epsilon, weil diese das könnte: „Im Bereich der berührungslosen Wegmessung, die auch dafür notwendig wäre, haben wir in Deutschland das größte Angebot.“ Micro-Epsilon entwickle ganz individuell auf die jeweiligen Mess-Bedürfnissen hin. Wisspeintner ist seit 35 Jahren Geschäftsführer der Micro-Epsilon Messtechnik GmbH. Morgen verabschiedet er sich von dieser Funktion.

65 Jahre ist er alt, blau sind seine Augen, grau die Haare. Im schwarzen Rollkragenpullover unter dem grau-schwarzen Tweed-Jackett erinnert er ein bisschen an Karlheinz Böhm. Wobei der wohl nicht so begeistert gestikuliert.

„Ich bin jemand, der immer etwas entwickeln will“, sagt Wisspeintner in weichem Hochdeutsch, hinter dem man den Ortenburger nicht vermuten würde, und das er sich in den Studienjahren aneignen musste. Bis vor wenigen Jahren war er in der Forschung „voll drin“, etwa 20 Patente hat er mit angemeldet. „Meine Arbeit ist mir nie langweilig geworden“, sagt Wisspeintner. Es mache ihm Freude zu entwickeln, „ich habe eine hohe Kreativität und die Gabe, dass ich die richtigen Menschen aussuche“, sagt er ganz nüchtern. „Das Wichtige sind nie die Sachen, sondern die Menschen“. In der Firma, im Leben. „Wenn wir jemand in der Bildbearbeitung anstellen, braucht er fünf Jahre, um diese komplexe Aufgabe zu beherrschen“, sagt Wisspeintner. Da müsse man in die Zukunft schauen können, und die Leute so gut behandeln, dass sie mit ihrem Wissen in der Firma bleiben.
Viel Zeit verbringt Karl Wisspeintner mit seinem Hund „Madame Coco“, wie er erzählt.  − Fotos: me

Viel Zeit verbringt Karl Wisspeintner mit seinem Hund „Madame Coco“, wie er erzählt.  − Fotos: me
So wie er die Weichen für andere stellt, haben es andere für ihn getan. Der Volksschullehrer etwa, der seinen Vater so lange bearbeitete, bis er ihn doch auf die Wirtschaftsschule schickte. Der Vater hatte eine Fassbinder- und Mosterei und war schon 50 Jahre alt, als Wisspeintner auf die Welt kam. Sein älterer Bruder war im Krieg gestorben, Karl Wisspeintner hätte den Betrieb übernehmen sollen. Der Vater ahnte, dass der Sohn nach der Wirtschaftsschule kein Interesse daran haben würde. Oder der Professor an der Fachhochschule Regensburg. „Ich war gerade abgelehnt worden“, sagt Wisspeintner. Er hätte im Gang über die „Rindviecher“ geschimpft, wurde ihm vorgehalten. Der Professor schlug ihm einen Handel vor: Wenn er zwei dicke Wälzer über die Ferien durcharbeite und seine Fragen beantworte, dürfe er studieren. Ein bisschen Glück, ein bisschen Zufall, ein bisschen Dreistigkeit.

Wie bei seiner ersten Frau Ludmila, einer Russin. Karl Wisspeintner lernte sie 1972 auf der Abschlussfahrt der Fachhochschule kennen. Die Studenten sollten sich eigentlich die Moskauer U-Bahnstationen ansehen. „Nach drei hatten wir allerdings genug“, sagt Wisspeintner. Zusammen mit einem Freund setzte er sich von der Gruppe ab. Auf der anderen Seite des Gleises standen zwei junge, hübsche Russinnen. Als Ludmila ihn ansah, „war ich wie elektrisiert“, sagt Wisspeintner mit leuchtenden Augen. Er fragte sie auf Englisch nach dem Weg zu einem Museum − in dem er am Vortag war. Das war der Start: 1973 haben sie geheiratet, im selben Jahr kam Alexander zur Welt, im Herbst konnte Wisspeintner Frau und Sohn nach Berlin holen, wo er an der Technischen Universität studierte.  

Die kleine Familie ernährte er, indem er Fernseher und Radios reparierte. Schließlich hatte er nach dem Schulabschluss und vor dem Studium der Elektrotechnik bei Guggemos in Passau gelernt. Seine Frau, eine studierte Volkswirtin, durfte fünf Jahre in Deutschland nicht arbeiten. Es war Kalter Krieg, eine Russin galt erst einmal als potenzieller Spion.

1976, kurz nach der Geburt des zweiten Sohns Thomas, stieß Karl Wisspeintner mit 29 Jahren direkt von der Uni zu Micro-Epsilon, kurze Zeit später der Diplom-Physiker Johann Salzberger. Wieder so ein Menschen-Zufall.

Franz Frischen († 1983) hatte Micro-Epsilon 1969 in Hannover als Handelsunternehmen für Sensoren aus den USA gegründet. Größter Abnehmer war damals die Atomindustrie. Die Geschäfte liefen gut, Franz Frischen konnteJahrelang bis 70 Stunden pro Woche gearbeitet Geld für die Entwicklung von eigenen Produkten beiseite legen. Weil sich der Unternehmer in angenehmer Umgebung zur Ruhe setzen wollte, zog er 1975 nach Ortenburg. Die Firma bestand damals aus ihm, Frischen, und zwei Sekretärinnen.

Bei einem Besuch erzählte Karl Wisspeintner einem alten Nachbarn, dass er gerne nach Ortenburg zurückkehren würde. Ein paar Wochen später habe dieser ihn angerufen: „Du, da ist einer gekommen, der sucht genau das, was du mir erzählt hast“. „Gekommen“ war Franz Frischen. Bald darauf bauten dieser und Wisspeintner in einem Keller ihr erstes Wirbelstromsystem. Eine taschenbuchgroße Metallplatte, auf der für den Laien nur „ein Haufen“ kunterbunter Würfelchen sitzen, garniert mit einem paar gekringelten Drähten. „Das darf ich heute unseren Lehrlingen nicht zeigen, sonst fangen sie an zu lachen“, sagt Wisspeintner und steckt sie wieder in den Schrank. „Wir haben das noch selbst geätzt, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“.

„In den 80er Jahren haben wir sehr viel entwickelt“, sagt Wisspeintner. Nach der Wende wuchs die Firma durch Zukäufe weiter, „wir konnten das Wissen endlich in Produkte umwandeln“. Jahrelang habe er 60, 70 Stunden pro Woche gearbeitet. Um sieben Uhr morgens sperrte er die Firma auf und kam oft erst um acht wieder heraus. Im Vertrieb sei er teils 120 Tage pro Jahr in der Welt unterwegs gewesen. Am Wochenende habe er sich aber bemüht, daheim zu sein.

Eine „ganz schwere Zeit“ erlebte Wisspeintner, als seine erste Frau Ludmila an Krebs erkrankte. Er fuhr seine Arbeitszeit zurück und behielt das nach ihrem Tod bei. Mit nur 47 Jahren verlor Ludmila 1997 den Kampf gegen den Krebs. „Ich brauchte viele Jahre, um darüber hinwegzukommen“, sagt der Unternehmer. Heute ist Wisspeintner wieder verheiratet. Mit Huguette, einer Luxemburgerin.

Am 15. Januar wird Wisspeintner mit ein paar Mitarbeitern im Firmengebäude einen Stock höher „ins Austragshäusl“ ziehen. Als Geschäftsführer der Holding bleibt er Micro-Epsilon an drei Tagen pro Woche erhalten.

Das Akkordeonspielen will er wieder anfangen, als Bub hat er in der Mostwirtschaft der Eltern aufgespielt. „Meine Frau hat mir ein neues Instrument geschenkt“, sagt Wisspeintner. Huguette habe Leichtigkeit in sein Leben gebracht. Vielleicht wird er Musik-Stunden nehmen, mehr Zeit im Wurzgarten verbringen, wo er so gern im Gemüsebeet gräbt, und die Rosen beschneidet. Der Obstgarten reicht, um in die Mostproduktion für den Eigenbedarf einzusteigen. 40 Liter, „ein besonders guter Jahrgang heuer“, sagt Wisspeintner, aus Boskop und steirischen Birnen. Und mit den Enkeln will er nächstes Jahr ein Baumhaus im Garten bauen. „Im Prinzip“, sagt Karl Wisspeintner, „bin ich sehr glücklich“.

Das Unternehmen

Micro-Epsilon mit Firmensitz in Ortenburg (Lkr. Passau) entwickelt und produziert Sensoren und Software für Abstands-, Weg- Temperatur- und Farbmessung. Die Unternehmensgruppe hat u.a. auch noch Standorte in Ostdeutschland, Tschechien, Amerika und China. 2009 war das bislang härteste Jahr für die Firma mit einem Auftragseinbruch von 28 Prozent. Im Mutterhaus Ortenburg verzichteten Geschäftsleitung und mittlere Führungsebene auf 25 bzw. 15 Prozent des Gehalts, die Belegschaft wurde in Kurzarbeit geschickt. 2010 ging es wieder bergauf. Heute beschäftigt das Unternehmen in der Gruppe 550 Mitarbeiter, davon 191 (plus etwa 20 Lehrlinge) in Ortenburg. Der konsolidierte Umsatz der Gruppe beträgt 2011 voraussichtlich 71 Millionen Euro, 2010 waren es 54 Millionen, im Krisenjahr 42 Millionen. Für 2012 peilt Micro-Epsilon laut Karl Wisspeintner einen Umsatzzuwachs von sieben Prozent an, „vorausgesetzt, die Finanzkrise beruhigt sich“. „Wir haben viele neue Produkte im Rohr“, sagt Wisspeintner. Großaufträge habe das Unternehmen für Messsysteme zur Lackprüfungen bei Daimler und BMW und für Sensoren für die Halbleiterindustrie. Auch sind neue Gebäude in Bratislava und Berlin geplant, in Ortenburg soll 2012 für rund 3 Millionen Euro ein Logistikzentrum hinzukommen.