Bericht aus Passauer Neue Presse

Heimatwirtschaft Niederbayern

Micro-Epsilon kann sogar Graswachstum messen − „Stärker als vor der Krise“ − 20 neue Jobs

Chef Karl Wisspeintner gibt zum Jahresende die Geschäftsführung ab.  − Foto: FreierChef Karl Wisspeintner gibt zum Jahresende die Geschäftsführung ab.  − Foto: FreierVon Ariane P. Freier

Ortenburg. „2009 war das schwierigste Jahr in der Firmengeschichte“, sagt Diplom-Ingenieur Karl Wisspeintner. „Einen solchen Absturz haben wir noch nie erlebt.“ Bis sich das Blatt 2010 für seine Micro-Epsilon Messtechnik GmbH & Co. KG (μe) in Ortenburg-Dorfbach nahezu explosionsartig gewendet habe.

„reflectCONTROL“ ersetzt in der Autoindustrie die manuelle Lackkontrolle durch ein reproduzierbares vollautomatisches System, das wie ein Lichttunnel arbeitet und Millionen spart.  − F.: Micro Epsilon

„reflectCONTROL“ ersetzt in der Autoindustrie die manuelle Lackkontrolle durch ein reproduzierbares vollautomatisches System, das wie ein Lichttunnel arbeitet und Millionen spart.  − F.: Micro Epsilon

Die Produkte von Micro-Epsilon sind fast vollständig im Investitionsgüterbereich angesiedelt. Weil die Investitionen von Kunden in der Krise aber um die Hälfte eingebrochen waren, hatte der spezialisierte Mittelständler 2009 einen Auftragseinbruch von minus 28 Prozent zu verkraften, in der Spitze sogar in einigen Monaten bis zu minus 40 Prozent. Das war zwar weniger als etwa im Maschinenbau (bis minus 80 Prozent), jedoch empfindlich. Der Firmenchef: „Unser Auftragsbestand war hoch, wurde aber abgesehen vom medizinischen Bereich und dem Consumerbereich nicht abgerufen.“

Auch Chefetage hat auf Teilgehalt verzichtet  Die Folgen für die über 500 Mitarbeiter in 18 weltweit aufgestellten Töchtern waren gravierend, dennoch haben alle Beschäftigten mitgezogen. Vor allem auch im Mutterhaus Ortenburg, wo über 200 Mitarbeiter und 21 der 34 Lehrlinge arbeiten. „Wir haben jeden kleinsten Posten genau analysiert und hart gespart“, sagt Karl Wisspeintner. Die Geschäftsleitung selbst habe auf 25 Prozent ihres Gehalts verzichtet, die mittlere Führungsebene auf 15 Prozent und die Belegschaft wurde zu 20 Prozent in Kurzarbeit geschickt. Insgesamt wurden die Kosten in drei Quartalen um 17 Prozent reduziert.

2010 die Umkehr: Die Lagerbestände der Kunden waren aufgebraucht, Ersparnisse, die früher zu 75 Prozent ins Ausland gesteckt worden seien, werden laut Wisspeintner wieder zu 75 Prozent in Deutschland investiert. So konnte Micro-Epsilon 2010 mit einem Auftragseingang von 70 Millionen Euro in der Gruppe, davon 34 Millionen Euro in Ortenburg, rund 40 Prozent Zuwachs bei den Auftragseingängen verzeichnen, im ersten Quartal 2011 sogar 75 Prozent. „Das ist ein guter Start“, sagt Karl Wiss-peintner, der das Ziel für 2011 mit 15 Prozent plus angepeilt hatte. „Damit liegen wir wieder über dem Stand von 2008.“

Dennoch bleibt das Unternehmen, das nach eigenen Angaben über 40 Jahre fast alle Gewinne reinvestiert hat und dadurch heute nahezu schuldenfrei ist, vorsichtig: „Ich denke, dass die Wirtschaftskrise der westlichen Welt noch nicht gelöst ist.“ Vorsicht bedeutet für ihn aber keineswegs Stillstand. Zumal Micro-Epsilon von den überlegt umgesetzten Sparmaßnahmen nach wie vor profitiere. Heuer liege der Umsatz in der Gruppe bei 74 Millionen Euro, in Ortenburg bei 34 Millionen Euro. 2010 waren es noch 65 Millionen Euro (gesamt).  Gerade wurde die insolvente INB Magdeburg erworben, 2011 sei ein neues Firmengebäude am Standort Bratislava geplant und eines in Berlin. Dort soll 2012 in die Berliner Optris investiert und die bestehende Beteiligung aufgestockt werden. „Wir streben, wenn möglich, grundsätzlich Mehrheitsbeteiligungen an“, erläutert der 64-Jährige klipp und klar. Die Firma sei in der Krise in jeder Hinsicht besser geworden und habe sogar einen kleinen Gewinn gemacht. „Vor allem die Kurzarbeit war von Vorteil, weil nur dadurch unser Wissen im Hightech-Bereich erhalten werden konnte.“ Denn mit jedem Mitarbeiter, der fehlt, gehe langjährige Erfahrung verloren.

„Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass alles Wissen über Excel, Word oder pdf erfahrbar wird. Anwendbares Wissen bleibt immer bei den Menschen. Beschreiben Sie bitte mal, wie man Rad fährt.“ Grund für Wisspeintner, in ausgewogenem Maße erfahrene Mitarbeiter zu halten und kontinuierlich Hochschulabsolventen und Facharbeitern eine Chance zu geben. Der Manager: „41 Prozent unserer Mitarbeiter sind Hochschulabsolventen, Techniker und Meister, zunehmend Frauen. Entwicklungen finden da statt, wo junge Menschen und Erfahrung sich ergänzen.“

Gepaart mit der Ausdauer eines Marathonläufers, enormem Teamgeist und flexibler Anpassungsfähigkeit an diverse Märkte macht diese gelebte Erkenntnis einen Teil des Erfolgs der komplex agierenden, leistungsfähigen Firma aus. Wisspeintner: „Als Mittelständler kann man nur erfolgreich sein, wenn man Entscheidungsprozesse schnell herbeiführt und sich auf Nischenbereiche spezialisiert, die für die großen Konzerne zu klein sind.“ Wie Weltraumtechnik etwa.

Micro-Epsilon bedient nach eigenen Angaben über 93 Großkunden in A-Projekten und entwickelt etwa die Sensoren für das größte Weltraumteleskop der Welt in Chile, Sensoren für ein chinesisches Observatorium und für das kommende reflectControl-System der Autoindustrie. Dieses wird zusammen mit dem Forwiss-Institut der Universität Passau und BMW realisiert.

„reflectCONTROL“ ersetzt in der Autoindustrie die manuelle Lackkontrolle durch ein reproduzierbares vollautomatisches System, das wie ein Lichttunnel arbeitet und Millionen spart.  − F.: Micro EpsilonreflectControl: Riesiges Potenzial  Die automatische Inspektion und Fehlererkennung von Lackoberflächen hat ein Riesenpotenzial: „Mit diesem System können weltweit 300 Millionen Euro Umsatz in sechs Jahren gemacht werden“, sagt Karl Wisspeintner. „Davon wollen wir uns 25 Prozent holen.“ Dank des reflectControl-Systems und anderer neuer Produkte könne er in den kommenden zwei Jahren rund 20 weitere Mitarbeiter einstellen.

Auch Megatrends wie Rohstoffmangel, Bevölkerungsexplosion, Automation, Erderwärmung oder die Überalterung der Industrienationen sind ohne Technologie und Sensoren nicht zu lösen. „Deshalb glaube ich fest daran“, sagt Karl Wisspeintner, „dass Micro-Epsilon mit höheren Zuwachsraten als die Branche wächst und letztlich gestärkt aus der Krise hervorgeht.“

URL: http://www.pnp.de/nachrichten/heute_in_ihrer_tageszeitung/heimatwirtschaft_niederbayern/?em_cnt=45478&em_loc=353

© 2010 evolver group